Emotion first?

Wie Sie vom Wissen zum Tun kommen - Warum Sie Ihren Gefühlen mehr Aufmerksamkeit schenken sollen – 

Acht hilfreiche Impulse für eine gelingende Verhaltensänderung



Lesezeit ca. 8 Minuten


“Mit dem Rauchen aufzuhören ist kinderleicht. Ich habe es schon hundertmal geschafft”. Mark Twain

Emotion first?


Wie Sie Gefühle als Antreiber zur Veränderung nutzen können.

Kennen Sie das? Sie haben sich ein Verhalten zum Ziel gesetzt, das Ihnen wichtig ist, aber Sie machen es dann doch nicht dauerhaft? Wollten Sie sich vielleicht mehr bewegen, weniger Alkohol trinken, strukturierter arbeiten...? Wer ehrlich ist, gibt zu, dass trotz bester Absicht, viele persönliche Vorhaben scheitern können. Sie sind also nicht alleine mit diesem Problem. Es begegnet uns ständig in der Arbeitswelt: UnternehmerInnen, Führungskräfte und Teams wissen oft ziemlich gut, welche Änderungen gut wären. Sie sprechen darüber, sie planen sie, sie starten mit ersten Schritten, und dann? Kommt etwas dazwischen! Sie setzen Ihre Pläne nicht nachhaltig um. In der persönlichen wie betrieblichen Gesundheitsförderung ist längst klar, dass die Herausforderung nicht in der Vermittlung von Wissen, sondern vielmehr in der Veränderung von Verhalten besteht. Viele Menschen sind Wissensriesen, aber Umsetzungszwerge.

Gefühle und Gewohnheiten sind die mächtigsten Antreiber in unseren Gehirnen.

Es gibt viele vernünftige Gründe bestimmte Verhaltensweisen und auch Strukturen in der Arbeitswelt zu verändern. Es ist aber eine Illusion zu glauben, dass alleine diese „vernünftigen Gründe“ ausreichen, um nachhaltige Veränderungen zu bewirken. Nein, Sie sind nicht willensschwach, wenn Sie trotz bester Absichten und vernünftiger Beweggründe Ihr Verhalten nicht dauerhaft ändern. Ebenso sind KollegInnnen, Vorgesetzte oder Ihre Geschäftsführung nicht unwillig, egoistisch oder gar borniert, wenn sie einen einmal gefassten

Plan nicht weiterverfolgen: die Kommunikation im Team verbessern, die Arbeitsorganisation den neuen Anforderungen anpassen, mehr Geld in Bildung investieren ...  

Gewohnheiten sind wie hervorragend ausgebaute Autobahnen im Gehirn.

Alte Gewohnheiten und Verhaltensmuster sind neurobiologisch gesehen stärker als neue Vorhaben – egal wie sinnhaft und richtig diese neuen Muster auch sein mögen. Insbesondere wenn Sie unter Druck kommen, ist es für Ihr Gehirn schwierig, neue Verhaltensmuster umzusetzen, denn sie benötigen viel mehr Aufmerksamkeit und Energie als die alten Muster. Diese sind ja bereits so automatisiert, dass Sie keine zusätzliche Kraft dafür aufwenden müssen. Es ist hilfreich, sich klar zu machen, dass Gewohnheiten in Ihrem Gehirn biologisch fest verankert sind – so wie breite Wege, auf denen man sich mit geschlossenen Augen bewegen könnte. Für neue Verhaltensweisen müssen Sie „mit der Machete und viel Achtsamkeit erst einen neuen Weg in den Urwald schlagen“. Daher ist die Gewohnheit manchmal sogar stärker als das Gefühl. Paradoxerweise tun wir manchmal Dinge, die uns überhaupt nicht gut tun, nur weil wir sie gewohnt sind. 

Gute Gefühle ermöglichen erst die nachhaltige Veränderung.

Neben dem Überwinden der Gewohnheiten ist für die Verhaltensänderung das Gefühl entscheidend, denn Gefühle sind der “Boss“ in Ihrem Gehirn. Ihr Verstand ist so eine Art Unternehmensberater, der kluge Tipps gibt. Aber der Boss entscheidet. Also muss er mit ins Boot, wenn es um Verhaltensveränderungen geht. Die neuen Verhaltensweisen sollten ein bestimmtes Maß an “Lustgewinn“ oder zumindest guten Gefühlen mit sich bringen. Und wenn das nicht der Fall ist, dann entscheidet das Gefühl mit einem einfachen “no go“.
Wenn Sie also bei sich selbst oder im Team Verhalten verändern wollen, sollten Sie neben der Wissensvermittlung (was genau müssen wir dazu wissen?) auch psychologische Methoden der Verhaltensveränderung kennen und anwenden (wie können wir dieses Wissen nachhaltig in Handeln transformieren?). Beachten Sie dabei von Anfang an Ihre Gefühle und mögliche Lust- bzw. Unlustfaktoren. Je nach Ziel und Persönlichkeit können hierbei unterschiedliche Methoden hilfreich sein. ExpertInnen im betrieblichen Gesundheitsmanagement verfügen über verschiedene Möglichkeiten, Verhaltensveränderungen mit psychologischen Tools zu unterstützen.

Psychologische Methoden der Verhaltensänderung gezielt einsetzen.

Zu den bekanntesten Methoden der Verhaltensänderung und Zielerreichung zählen z.B.: „Wenn...dann…Pläne“, das Züricher Ressourcen Modell oder die Arbeit mit Ritualen. Diesen Methoden ist - mit unterschiedlicher Gewichtung - gemeinsam, dass sie mit Gefühlen arbeiten, ohne dabei die Vernunft außer Acht zu lassen. Mit ihnen ist es möglich, Verhaltensveränderungen mit einem gewissen Maß an Lustgewinn zu koppeln, so dass Sie Ziele leichter und angenehmer erreichen können.

  
Näheres zu den Methoden finden Sie in meinem Buch „Praxisguide Betriebliches Gesundheitsmanagement: Tools und Techniken für eine erfolgreiche Gesundheitsförderung“, Hogrefe 2018 

„Machen ist wie wollen, nur viel krasser“.

Auch ohne sich intensiver mit diesen Modellen zu beschäftigen, können Ihnen folgende acht Gedanken Impulse geben, um zu Ihrem Wunschverhalten zu kommen:


  1. Überlegen Sie, was Sie „wirklich, wirklich“ wollen?
Häufig scheitern Ziele und die damit verbundenen Verhaltensweisen, weil diese Ziele nicht wirklich Ihre eigenen Ziele sind. Sie übernehmen vielleicht unbewusst Wunschvorstellungen aus der Familie, dem KollegInnenkreis, aus den Medien, ohne sich selbst ausreichend zu hinterfragen, ob Sie das „wirklich wirklich“ für sich selbst wollen. Es ist ein kluger Schachzug Ihres Gehirns, fremde Ziele nicht zu den eigenen zu machen und dementsprechend Verhaltensweisen zu torpedieren.

  2. Schätzen Sie ab, was ist Ihnen die Veränderung wert?
Jede Veränderung hat ihren Preis. Und manchmal ist uns der Preis für diese Veränderung zu hoch. Wenn Sie bspw. im nächsten Jahr einen Halbmarathon laufen möchten, zahlen Sie den Preis des regelmäßigen Trainings mit dem gleichzeitigen Verzicht für andere geliebte Tätigkeiten. Eine Entscheidung für das eine ist zumeist auch eine Entscheidung gegen das andere. Das gilt es abzuwägen. Was ist Ihnen wichtiger?


  3. Unterscheiden Sie Ergebnis- von Verhaltenszielen
Ein Verhaltensziel könnte lauten: ich werde dreimal die Woche 1 Stunde Sport treiben. Ein Ergebnisziel dagegen: Ich möchte 60 KG wiegen. Ein solches Ergebnisziel ohne konkrete Verhaltensziele ist wenig erfolgversprechend. Sollten Sie sich für ein Verhaltensziel entscheiden, dann sollte es so konkret wie möglich formuliert werden, z.B.: „Ich werde Montag, Mittwoch und Samstag von 18:00 -19:00 joggen.“ Das Verhaltensziel sollten Sie mit einem „Lust- bzw. positiven Gefühlsfaktor“ verbinden. Das bedeutet, dass die Tätigkeit deutlich mehr Lust als Unlust bereiten sollte. Es kann also nötig sein, das Verhaltensziel anzupassen, damit es Ihnen ein gutes Gefühl macht. In unserem Beispiel könnte das vielleicht bedeuten: „Ich beginne mit einer Laufzeit von 15 Minuten.“



  4. Schmieden Sie „Wenn...dann…Pläne“
Verhaltensziele können Sie mit einem „Wenn…dann…Plan“ koppeln: Wenn es zu diesen Zeitpunkten regnet, dann werde ich im Fitnessstudio aufs Laufband gehen. Wenn… dann…Pläne sind in ihrer Wirksamkeit gut belegt, einfach in der Umsetzung und auf viele Verhaltenssituationen anwendbar. Ein Beispiel aus der Arbeitswelt: Sie haben sich darüber geärgert, dass Sie in Meetings häufig unterbrochen werden. In der Situation selbst sind Sie so gestresst, dass Ihnen keine angemessene Reaktion einfällt. Ihre Gefühle torpedieren den Zugang zu vernünftigen Interventionen. Ein Wenn…dann…Plan könnte lauten: Wenn ich wieder unterbrochen werde, dann mache ich eine eindeutige Handbewegung, sehe dem Redner fest in die Augen und sage laut und deutlich: „Stopp, lassen Sie mich meinen Gedankengang erst zu Ende führen.“ Diese Art der Vorbereitung entlastet Ihr Gehirn in der Stress- und emotional belastenden Situation davon, nach den richtigen Worten zu suchen. Sie haben sie sozusagen griffbereit vorliegen.

  5. Entwickeln Sie Haltungsziele
Haltungsziele repräsentieren innere Grundhaltungen und sind eng mit unbewussten Gefühlen und Motiven eines Menschen gekoppelt. Sie beeinflussen unser Denken, Fühlen und Handeln, ohne dass wir es bewusst wahrnehmen müssen. Sie klingen im Gegensatz zu Verhaltenszielen diffus bis blumig, z.B. „Ich bewege mich mit Leichtigkeit durch den Tag“. Am besten ließe sich ein solches Haltungsziel auch als Mottoziel beschreiben. Dieses Zielformat kann -wenn es richtig angelegt ist- alle Ihre Handlungen nachhaltig beeinflussen, ohne dass Sie daran denken müssen. Um passende Haltungsziele zu finden und fest zu verankern, bedarf es einer intensiven Auseinandersetzung mit den eigenen Motiven und Gefühlen. Da die Entwicklung von Haltungen „den Königsweg“ zur Verhaltensänderung darstellen, werde ich diesem Thema einen eigenen Blogbeitrag widmen. 

    Zu lesen ab 30.9.2020 unter ggw-homburg.de.



  6. Führen Sie ein Logbuch über ihre Ziele und Verhaltensweisen
Formulieren Sie Ihre Haltungsziele, entwerfen Sie Verhaltenspläne, passen Sie sie an und justieren Sie nach, wenn nötig. Dokumentieren Sie Ihre Erfolge und beschreiben Sie die Hürden zur Umsetzung. Entwerfen Sie „Wenn…dann- Pläne“. Beschreiben Sie A-, B- und C- Situationen. A- Situationen sind solche, in denen Ihnen das Wunschverhalten schon gut gelingt. Sie sind vorhersehbar und stellen keine besondere Herausforderung für Sie dar. Ja, solche Situationen gibt es. Und darauf können Sie stolz sein. Häufiger sind die B-Situationen: sie sind schwierig, aber vorhersehbar. Auf diese Situationen könnten sie sich vorbereiten mit einem „Wenn….dann Plan“: wenn es regnet, wenn mir jemand ins Wort fällt, wenn ich zu müde bin…, dann… Anspruchsvoll wird es bei den C- Aufgaben, die nicht vorhersehbar und schwierig sind. Diese Situationen sollten Sie sich notieren, um aus ihnen zu lernen. Denn, wenn sie schon mal da waren, werden sie beim nächsten Mal vorhersehbar sein. Und dann können Sie sich wunderbar darauf vorbereiten. Ein Logbuch, das Sie dabei unterstützt, können Sie hier bestellen.



  7. Suchen Sie sich Verbündete und externe Unterstützung
Solange Sie leben, können Sie Ihr Verhalten verändern. Die Fähigkeit zur Verhaltensänderung haben wir alle: Bei vielen fehlt häufig allerdings die Bereitschaft. Die meisten haben bereits verschiedene erfolgreiche Verhaltensveränderungen hinter sich. Aber nicht jede Veränderung ist gleich leicht. Daher ist es hilfreich, sich Verbündete zu suchen oder sich auch professionelle Unterstützung zu gönnen.



  8. Gehen Sie liebevoll mit dem eigenen Scheitern um
Mehrere Anläufe sind nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Wie hat John F. Kennedy so schön gesagt: „Erfolg bedeutet einmal mehr aufzustehen, als man hingefallen ist.“

Ob bei der persönlichen Verhaltensänderung oder beim Veränderungsprozess im Team oder gar im Unternehmen: Berücksichtigen Sie alte Gewohnheiten und beziehen Sie Gefühle mit ein. Gönnen Sie sich im Bedarfsfall externe Unterstützung um „Gefühle und Verstand“ zu synchronisieren - so wird Ihr Veränderungsprozess ein Erfolg.


Cornelia Schneider